MVP
MVP bauen: die kleinste Version, die etwas beweist
Ein MVP (Minimum Viable Product, minimal brauchbares Produkt) ist die kleinste Fassung deiner Idee, mit der du eine Annahme an echten Kunden prüfen kannst. Sein Maßstab ist die Erkenntnis, nicht der Umfang. Die erste Frage lautet deshalb nie "was baue ich", sondern "was muss ich wissen, und was ist das Wenigste, das es mir sagt". In der Praxis decken vier Bauformen fast jeden Fall ab: Concierge, Wizard of Oz, Landingpage und Ein-Funktions-Version. Egal welche du wählst: Schreibe vor dem Start auf, welche Zahl als Ja gilt, und an welchem Tag du entscheidest.
Der Begriff wird auf eine bestimmte Weise missverstanden
Eric Ries machte den Begriff 2011 mit "The Lean Startup" bekannt. Er beschrieb das MVP als die Fassung eines Produkts, die mit dem geringsten Aufwand die meisten belegten Erkenntnisse über Kunden einbringt. Liest man den Satz genau, ist der Maßstab nicht das Produkt. Der Maßstab ist die Erkenntnis.
Im Alltag ist daraus stillschweigend "Version eins, nur mit weniger drin" geworden. Diese Lesart macht MVPs teuer. Sie führt in eine Funktionsliste und zur Frage, was man weglässt. Nützlicher ist die Frage, welche einzelne Annahme das Ganze zum Kippen bringt, wenn sie falsch ist. Ist die beantwortet, ergibt sich die Bauform oft von selbst, und sie ist häufig keine Software.
12 Wochen, zwei Wege
Vollausbau zuerst
Fertig bauen, dann zeigen
Elf Wochen Arbeit hängen an einer Annahme, die niemand geprüft hat. Stimmt sie nicht, ist das Geld weg und die Lehre teuer bezahlt.
MVP zuerst
Kleinste Bauform, dann entscheiden
Nach zwei Wochen weißt du, ob sich jemand so verhält, wie du hoffst. Die restlichen zehn Wochen baust du entweder das Richtige oder gar nichts.
Beide Wege kosten zwölf Wochen. Der Unterschied liegt nicht im Aufwand, sondern im Zeitpunkt, an dem der Markt mitreden darf, und darin, wie viel Arbeit dann noch umkehrbar ist. Die zwölf Wochen sind eine Veranschaulichung, kein Richtwert.
Was vor der ersten Bauform kommt: Geschäftsidee validieren, der 5-Schritte-Test →
Vier Bauformen, nach Aufwand sortiert
Lies sie von oben nach unten und halte bei der ersten an, die deine Frage beantworten kann. Die meisten Gründer fangen unten an, weil sich das nach Bauen anfühlt. Auf jeder Karte steht auch, was die Bauform nicht beweist, und diese Zeile ist die nützlichere Hälfte.
1Concierge
TageWas sie prüft
Trägt die Leistung überhaupt einen Wert?
Du erbringst die Leistung von Hand, für wenige Kunden, und sagst offen, dass du sie von Hand erbringst. Nichts ist automatisiert, nichts ist gebaut. Du lernst dabei den Ablauf kennen, den eine spätere Software abbilden müsste, und merkst schnell, an welcher Stelle der Kunde eigentlich hängt.
Statt einer Buchungsplattform holst du acht Räder persönlich ab, reparierst sie und bringst sie zurück. Nach acht Aufträgen weißt du, was der Ablauf wirklich kostet.
Beweist nicht, dass es sich in großer Zahl rechnet. Die Handarbeit verbirgt genau die Kosten, die später entscheidend sind.
2Wizard of Oz
1 bis 2 WochenWas sie prüft
Verhält sich der Kunde vor der Oberfläche wie erhofft?
Vorne sieht es nach fertigem Produkt aus, hinten sitzt ein Mensch und macht die Arbeit von Hand. Der Kunde merkt nichts. Der Unterschied zum Concierge liegt genau darin: Hier prüfst du das Verhalten vor einer Oberfläche, nicht den Wert der Leistung.
Das Formular verspricht ein Zeitfenster in 60 Sekunden. Die Zuteilung machst du selbst am Telefon, der Kunde sieht nur die Bestätigung.
Skaliert nicht und darf nicht dauerhaft laufen. Wer daraus ein Geschäft macht, ohne zu automatisieren, arbeitet sich selbst auf.
3Landingpage
2 bis 5 TageWas sie prüft
Gibt es Nachfrage, bevor irgendetwas existiert?
Eine Seite beschreibt das Angebot samt Preis und bittet um eine Handlung, die etwas kostet: E-Mail-Adresse, Vorbestellung, Anzahlung. Gemessen wird nicht der Besuch, sondern der Anteil derer, die die Handlung wirklich ausführen. Wer schon eine Zahlung möglich macht, misst die härteste verfügbare Zusage.
Eine Seite mit Festpreis und Zeitfenstern, dazu 150 Euro Anzeigenbudget im Umkreis von fünf Kilometern. Frage: Wie viele buchen ein Fenster?
Misst Interesse an einem Versprechen, nicht Zufriedenheit mit einer Leistung. Ein Klick ist noch keine Wiederholung.
4Ein-Funktions-Version
3 bis 6 WochenWas sie prüft
Löst die eine Kernfunktion das Problem wirklich?
Gebaut wird genau eine Funktion, die richtige, und sonst nichts. Kein Login, kein Verwaltungsbereich, keine zweite Zielgruppe. Diese Bauform gehört ans Ende der Reihe, nicht an den Anfang: Sie ist die teuerste und lohnt erst, wenn Nachfrage und Wert schon belegt sind.
Nur die Buchung eines Zeitfensters. Bezahlung, Erinnerungen und Kundenkonto kommen erst, wenn genug Fenster gebucht werden.
Verführt zum Weiterbauen. Ohne vorher festgelegtes Erfolgskriterium wird aus der Prüfung stillschweigend ein Produkt.
Drei Beispiele, die keine Software waren
Alle drei sind öffentlich dokumentiert, und alle drei haben eines gemeinsam: Geprüft wurde zuerst die Nachfrage, nicht die Technik.
Dropbox
Video statt Produkt
Ein kurzes Video zeigte die Synchronisation, bevor sie zuverlässig lief. Die Warteliste für die Testfassung wuchs von rund 5.000 auf etwa 75.000 Personen.
Zappos
Wizard of Oz
Schuhe wurden in Läden vor Ort fotografiert und online gestellt. Jede Bestellung wurde im Laden gekauft und von Hand versendet. Kein Lager, kein Bestand, ein echter Kauf.
Buffer
Landingpage mit Preis
Eine Seite beschrieb das Werkzeug, eine zweite zeigte die Tarife. Nach der E-Mail-Adresse wurde erst gefragt, wer bis zum Preis durchgeklickt hatte.
Vorsicht mit der Lehre daraus: Das sind die Fälle, die funktioniert haben und danach aufgeschrieben wurden. Sie zeigen, dass eine kleine Bauform reichen kann, nicht dass sie immer reicht.
In fünf Schritten zum ersten MVP
Die ersten drei Schritte dauern zusammen keine zwei Stunden und entscheiden fast alles. Übersprungen werden Schritt 1 und 2, und genau das macht aus einem MVP einen teuren ersten Entwurf.
Die riskanteste Annahme benennen
45 MinutenSchreibe alle Annahmen auf, auf denen deine Idee ruht. Sortiere sie dann nach zwei Fragen: Wie schlimm wäre es, wenn die Annahme falsch ist? Und wie sicher weißt du heute, dass sie stimmt? Ganz oben landet die Annahme, die viel kostet und wenig belegt ist. Genau die und keine andere prüft dein erstes MVP.
Ergebnis: ein Satz, der mit "Wir nehmen an, dass …" beginnt und den du morgen prüfen könntest.
Das Erfolgskriterium vorher festlegen
20 MinutenSchreibe auf, welche Zahl du sehen musst, damit die Annahme als bestätigt gilt, und ab welcher Zahl du sie verwirfst. Vorher, schriftlich, mit Datum. Ohne diesen Schritt wird jedes Ergebnis im Nachhinein als Erfolg gelesen, weil man immer eine Erklärung findet, warum es doch gut lief.
Ergebnis: eine Zahl und eine Frist, zum Beispiel "mindestens 12 gebuchte Fenster in 14 Tagen".
Die kleinste Bauform wählen, die diese Zahl liefert
30 MinutenGehe die vier Bauformen von oben nach unten durch und nimm die erste, die dein Kriterium messen kann. Nicht die, die dir am meisten Spaß macht, und nicht die, die am fertigsten aussieht. Die Frage lautet nicht "was kann ich bauen", sondern "was ist das Wenigste, das diese Zahl erzeugt".
Ergebnis: eine gewählte Bauform mit einer Begründung in einem Satz.
Bauen, mit Zeitdeckel
1 bis 4 Wochen, vorher festgelegtSetze die Frist, bevor du anfängst, und behandle sie als feste Größe. Alles, was nicht in den Deckel passt, fällt weg statt die Frist zu verschieben. Der Deckel schützt nicht die Zeit, sondern die Aussagekraft: Ein MVP, das immer weiter wächst, prüft am Ende nichts mehr, weil sich in der Zwischenzeit alles verändert hat.
Ergebnis: etwas Benutzbares in den Händen echter Kunden, nicht in einer Vorführung.
Entscheiden: weiter, ändern oder abbrechen
1 Stunde, am festgelegten DatumHole das aufgeschriebene Kriterium hervor und vergleiche. Drei Ausgänge sind erlaubt: weiter wie geplant, Kurs ändern und dieselbe Frage anders prüfen, oder abbrechen. Der dritte ist der wertvollste und der seltenste. Ein MVP ohne die Möglichkeit abzubrechen ist keine Prüfung, sondern der erste Bauabschnitt mit besserem Namen.
Ergebnis: eine schriftliche Entscheidung mit der Zahl daneben, auf die sie sich stützt.
Wer das fertige MVP benutzen soll: Erste Kunden gewinnen, die ersten zehn, einzeln →
MVP, Prototyp, Machbarkeitsnachweis, Pilot
Die vier Begriffe werden durcheinander verwendet und beantworten vier verschiedene Fragen. Den falschen zu wählen ist kein Wortproblem: Es liefert eine Antwort auf eine Frage, die du nicht gestellt hast.
| Begriff | Beantwortet die Frage | Wer es sieht | Was herauskommt |
|---|---|---|---|
| Machbarkeitsnachweis | Geht das technisch überhaupt? | Nur das eigene Team | Ja oder nein zur Technik. Über Nachfrage sagt er nichts. |
| Prototyp | Ist die Bedienung verständlich? | Testpersonen in einer begleiteten Sitzung | Beobachtungen zur Bedienung. Niemand zahlt, niemand nutzt es im Alltag. |
| MVP | Verhalten sich echte Kunden wie angenommen? | Echte Kunden, unbegleitet, im Alltag | Eine Zahl gegen ein vorher festgelegtes Kriterium. |
| Pilot | Hält der Ablauf im Betrieb? | Eine begrenzte, echte Kundengruppe über Wochen | Betriebsdaten: Aufwand, Fehler, Wiederholung, Kosten. |
Sobald Geld fließt
Das Wort "Beta" ist eine Beschreibung, kein Rechtsstand. Wer von Verbrauchern eine Zahlung, Vorbestellung oder Anzahlung annimmt, ist Verkäufer und hat die Pflichten eines Verkäufers. Dazu gehören die gesetzliche Gewährleistung, die sich gegenüber Verbrauchern nicht einfach wegbedingen lässt, Informationspflichten vor dem Kauf und im Fernabsatz ein Widerrufsrecht. Für digitale Inhalte, die sofort starten, gelten dabei eigene Regeln.
Zwei praktische Folgen für die Bauformen oben. Eine Landingpage, die nur E-Mail-Adressen sammelt, bleibt unkritisch. Eine Landingpage, die eine Anzahlung nimmt, braucht dieselben Angaben, Bedingungen und ein Impressum wie ein echter Laden, dazu einen Plan, wie du das Geld zurückzahlst, wenn du abbrichst.
Allgemeine Orientierung, keine Rechtsberatung. Fristen und Schwellen unterscheiden sich je Land und ändern sich; prüfe die Regeln, die dort gelten, wo du verkaufst.
Fünf Fehler, die ein MVP wertlos machen
Keiner davon hindert dich daran, etwas zu veröffentlichen. Alle hindern dich daran, etwas zu lernen, und genau dafür ist die Übung da.
Das MVP als kleines Produkt verstehen statt als Prüfung. Wer die Frage "was lasse ich weg" stellt, baut ein abgespecktes Produkt. Die richtige Frage lautet "was will ich wissen", und darauf antwortet oft eine Landingpage statt einer Software.
Ohne vorher festgelegtes Kriterium starten. Danach lässt sich jedes Ergebnis als Erfolg lesen. Zwei Anmeldungen sind ein Beleg für Nachfrage oder ein Beleg für fehlende Nachfrage, je nachdem, was man vorher aufgeschrieben hat, und nur die vorherige Festlegung zählt.
Freunde und Bekannte als Kunden zählen. Sie sagen zu, weil sie dich mögen, nicht weil sie das Problem haben. Ihre Zusagen sind die teuerste Form von Rückmeldung, weil sie sich wie ein Beweis anfühlen und keiner sind.
Nach dem Bauen nicht entscheiden. Das MVP läuft, die Zahlen liegen vor, und statt einer Entscheidung folgt die nächste Funktion. Damit wird die Prüfung zum Bauabschnitt, und die Frage, ob überhaupt jemand das Ganze will, bleibt unbeantwortet.
Alles gleichzeitig prüfen wollen. Ein MVP, das Nachfrage, Preis, Technik und Ablauf auf einmal klären soll, klärt am Ende nichts. Bei einem schlechten Ergebnis lässt sich nämlich nicht sagen, welche der vier Annahmen gekippt ist.
Häufige Fragen
Was ist ein MVP einfach erklärt?
Ein MVP (Minimum Viable Product, minimal brauchbares Produkt) ist die kleinste Fassung deiner Idee, mit der du eine bestimmte Annahme an echten Kunden prüfen kannst. Der Maßstab ist die Erkenntnis, nicht der Funktionsumfang: Es ist so viel wert, wie es dir über das Verhalten deiner Kunden verrät, und nicht, wie fertig es aussieht. Häufig ist die kleinste Fassung noch gar keine Software, sondern eine Seite mit einem Preis oder eine von Hand erbrachte Leistung.
Was kostet ein MVP und wie lange dauert es?
Das hängt vollständig von der Bauform ab. Eine Landingpage samt kleinem Anzeigenbudget liegt bei wenigen hundert Euro und ist in zwei bis fünf Tagen erledigt. Eine Concierge-Version kostet vor allem deine Zeit. Eine gebaute Ein-Funktions-Version bewegt sich in Wochen und im vierstelligen Bereich, sobald jemand anderes programmiert. Nützlicher als eine Preisspanne ist ein Zeitdeckel: Lege vorher fest, wie viele Wochen und wie viel Geld die Antwort dir wert ist, und wähle danach die Bauform.
Wie viele Nutzer brauche ich, damit das Ergebnis etwas aussagt?
Für Verhalten, das selten vorkommt, brauchst du mehr Beobachtungen als für Verhalten, das häufig vorkommt. In der Praxis reichen bei einem klaren Kriterium oft 30 bis 100 Personen, die die Seite tatsächlich gesehen haben, und eine zweistellige Zahl an Handlungen. Wichtiger als die Menge ist die Herkunft: 40 Fremde, die über eine Anzeige kamen, sagen mehr als 200 Menschen aus dem eigenen Bekanntenkreis.
Muss ein MVP schon Geld kosten?
Nicht zwingend, aber ein Preis verändert das Ergebnis stark. Eine kostenlose Anmeldung misst Neugier, eine Vorbestellung oder Anzahlung misst Zahlungsbereitschaft, und das ist die Frage, an der die meisten Ideen scheitern. Wenn du Geld nimmst, gelten dieselben Pflichten wie bei jedem anderen Verkauf, auch wenn "Beta" darübersteht.
Wann ist ein MVP der falsche Weg?
Wenn ein unfertiges Ergebnis echten Schaden anrichten kann. Das gilt für Medizin, Sicherheit, Finanzen und überall dort, wo Zulassungen nötig sind. Die kleinste prüfbare Fassung ist dort selten das Produkt selbst, sondern eine Prüfung daneben: eine Simulation, eine Vorstudie, ein Test mit Fachleuten. Die Denkweise bleibt dieselbe, die Bauform ändert sich.
Passt dazu
Welche Annahme prüfst du zuerst?
Der PESSIMIST benennt die Abbruchkriterien deiner Idee, der TECHNIKBEWERTER die kleinste machbare Bauform. 4 bis 12 KI-Experten, in Minuten, ab € 5,99.
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