Gründerwissen

Wertangebot

Value Proposition Canvas: Angebot und Kunde zur Deckung bringen

Das Value Proposition Canvas hat zwei Hälften und sechs Felder. Rechts steht der Kunde: die Aufgaben, die er erledigen will, die Schmerzen, die ihm dabei im Weg stehen, und die Gewinne, die er erwartet. Links steht dein Angebot: deine Produkte und Leistungen, die Schmerzlinderer und die Nutzenstifter. Passung besteht, wenn jeder Linderer auf einen notierten Schmerz antwortet und jeder Stifter auf einen notierten Gewinn. Wichtiger als die Felder ist die Reihenfolge: erst die rechte Seite ausfüllen, aus Kundengesprächen, und dann erst die linke.

Wofür das Canvas gut ist

Das Canvas stammt von Alexander Osterwalder und seinen Mitautoren, die es 2014 in "Value Proposition Design" veröffentlichten, dem Nachfolger des Business Model Canvas. Es beantwortet eine Frage, die die größere Leinwand offen lässt: Dort gibt es je einen Baustein für Kundensegmente und für Wertangebote, und genau an diesen beiden Bausteinen scheitern die meisten Ideen still und leise.

Das Werkzeug nimmt diese beiden Bausteine und zerlegt sie in je drei Felder. Das klingt nach mehr Schreibarbeit und ist das Gegenteil: Sechs kleine Felder erzwingen Aussagen, die konkret genug sind, um falsch sein zu können, und erst dadurch prüfbar. "Spart Zeit" passt in den großen Baustein und übersteht jede Durchsicht. "Nimmt zwei Tage Ausfallzeit je Reparatur weg" übersteht das erste Kundengespräch nicht, wenn es nicht stimmt.

Dein Angebot

Der Kunde

Produkte & Leistungen

Mobile Reparatur am Arbeitsplatz, feste Zeitfenster

Aufgaben des Kunden

Jeden Werktag ohne Auto zur Arbeit kommen

Schmerzlinderer

Reparatur während der Arbeitszeit, keine Ausfallzeit

Schmerzen

Zwei Tage ohne Rad, weil die Werkstatt zu Bürozeiten öffnet

Nutzenstifter

Zustandsbericht mit Foto, Erinnerung an die nächste Wartung

Erwartete Gewinne

Wissen, dass das Rad sicher ist, ohne selbst daran zu denken

Passung

Drei Paare, gelesen von rechts: Der Kunde nennt eine Aufgabe, einen Schmerz und einen Gewinn, dein Angebot antwortet auf jeden einzelnen. Ein Eintrag links ohne Partner rechts ist Aufwand, um den niemand gebeten hat.

Der Rahmen darum und die zwei Bausteine, die dieses Canvas vergrößert: Business Model Canvas einfach erklärt →

Die rechte Seite: das Kundenprofil

Diese Hälfte kommt zuerst, und sie kommt nicht von dir. Alles hier sollte auf eine Aussage einer echten Person zurückführbar sein. Das Beispiel ist eine mobile Fahrradwerkstatt in Berlin.

Aufgaben des Kunden

Was will der Kunde erledigen?

Nicht nur die praktische Aufgabe zählt. Daneben stehen die soziale Aufgabe (wie will er wahrgenommen werden) und die emotionale (wie will er sich fühlen). Die letzten beiden werden fast immer vergessen und entscheiden oft den Kauf.

Praktisch: pünktlich zur Arbeit kommen. Sozial: nicht als der gelten, dessen Rad ständig kaputt ist. Emotional: sich auf das Rad verlassen können.

Schmerzen

Was stört, kostet oder geht schief?

Alles, was die Aufgabe erschwert: Zeitverlust, Kosten, Risiken, Ärger, schlechte Ergebnisse. Schreibe die Schmerzen so auf, wie der Kunde sie schildert, mit seinen Worten und möglichst mit einer Zahl daneben.

Zwei Arbeitstage ohne Rad. Werkstattbesuch nur in der eigenen Arbeitszeit möglich. Preis vorher unklar.

Erwartete Gewinne

Was wäre für den Kunden ein gutes Ergebnis?

Vier Stufen: was zwingend nötig ist, was erwartet wird, was gewünscht ist, und was überraschen würde. Wer nur das Zwingende erfüllt, ist austauschbar. Wer nur überrascht, hat oft das Zwingende übersehen.

Nötig: Rad fährt wieder. Erwartet: hält länger als vier Wochen. Gewünscht: kein Termin nötig. Überraschend: abends wieder fahrbereit.

Das Canvas wird für genau eine Gruppe ausgefüllt. Wie du zu dieser Gruppe kommst: Zielgruppe definieren in vier Schritten →

Die linke Seite: das Wertangebot

Diese Hälfte wird erst geöffnet, wenn die rechte Seite in einer Rangfolge steht. Jeder Eintrag hier braucht einen Partner drüben. Diese eine Regel verhindert, dass aus dem Canvas eine Funktionsliste wird.

Produkte & Leistungen

Was bietest du konkret an?

Die schlichte Aufzählung dessen, was der Kunde bekommt, physisch wie digital. Dieses Feld ist das einfachste und deshalb das gefährlichste: Es füllt sich schnell und erzeugt das Gefühl, fertig zu sein.

Reparatur vor Ort, feste Zeitfenster an Bürostandorten, Ersatzrad bei größeren Schäden, Wartungsabo.

Schmerzlinderer

Wie nimmst du genau diesen Schmerz weg?

Je Eintrag muss ein Schmerz aus der rechten Seite benennbar sein, sonst gehört er nicht hierher. Ein Linderer, der zu keinem notierten Schmerz passt, ist ein Merkmal, das du für wichtig hältst.

Reparatur während der Arbeitszeit statt Ausfallzeit. Festpreis vorab statt offener Rechnung.

Nutzenstifter

Wie erzeugst du einen erwarteten Gewinn?

Dasselbe für die Gewinnseite. Hier entstehen die Punkte, die über das Nötige hinausgehen, und genau die tragen später den Preis. Ein Nutzenstifter ohne zugehörigen Gewinn ist Aufwand ohne Wirkung.

Fotobericht zum Zustand des Rads. Erinnerung vor dem Winter. Sicherheitscheck ohne Aufpreis.

So füllst du es aus, in vier Schritten

Insgesamt rund vier Stunden, davon zwei Stunden Gespräche. Schritt 2 wird am häufigsten übersprungen und entscheidet darüber, ob am Ende eine Entscheidung steht oder eine Verzierung.

1

Rechte Seite füllen, aus Gesprächen

2 Stunden, verteilt auf 8 bis 10 Gespräche

Fange beim Kunden an, nicht bei dir. Frage nach dem letzten Mal, als das Problem auftrat, und lass dir den Ablauf schildern. Notiere nur, was jemand tatsächlich gesagt hat. Alles, was du am Schreibtisch ergänzt, markiere als Annahme, damit du es später nicht mit einem Befund verwechselst.

Ergebnis: je fünf bis acht Aufgaben, Schmerzen und Gewinne, in den Worten der Kunden, Annahmen erkennbar getrennt.

2

Rangfolge bilden

20 Minuten

Sortiere jede der drei Listen von oben nach unten: Wie wichtig ist die Aufgabe, wie stark der Schmerz, wie sehr wird der Gewinn erwartet. Ohne diesen Schritt ist das Canvas eine Sammlung. Erst die Rangfolge macht daraus eine Entscheidung darüber, woran du arbeitest.

Ergebnis: die drei stärksten Schmerzen und die zwei wichtigsten Gewinne stehen oben und sind markiert.

3

Linke Seite dagegen schreiben

60 Minuten

Jetzt erst dein Angebot, und nur bezogen auf die markierten Punkte. Schreibe je Schmerz genau einen Linderer und je Gewinn genau einen Stifter. Was zu keinem markierten Punkt gehört, kommt auf eine Nebenliste. Sie ist nicht wertlos, aber sie ist nicht das Angebot.

Ergebnis: eine linke Seite, die auf höchstens fünf Punkte antwortet, statt auf alles ein bisschen.

4

Passung prüfen und Lücken markieren

30 Minuten

Gehe Zeile für Zeile durch: Zu welchem Schmerz gibt es keinen Linderer, welche Leistung bezieht sich auf nichts? Das erste ist eine Lücke, das zweite ein Leerlauf. Beides ist ein Ergebnis, kein Fehler. Die Lücken sind deine nächste Produktentscheidung, die Leerläufe deine nächste Streichliste.

Ergebnis: eine Liste offener Lücken und ein bis drei Leistungen, die du ersatzlos weglassen kannst.

Wie du die Gespräche aus Schritt 1 führst, ohne dir ein Ja einzureden: Geschäftsidee validieren, der 5-Schritte-Test →

Passung entsteht in drei Stufen

Ein ausgefülltes Canvas ist ein Vorschlag, kein Beweis. Zur Passung wird es in drei Stufen mit je eigenem Beleg, und jede Stufe ist erst nach der vorherigen erreichbar.

1Problem-Lösungs-Passung

Auf dem Papier

Woran du es erkennstKunden bestätigen die Schmerzen und Gewinne, die du notiert hast, ohne dass du sie ihnen vorsagst.

Wie du es prüfst8 bis 15 Gespräche über den letzten konkreten Vorfall, nicht über deine Idee.

Bewiesen ist damit nur, dass das Problem existiert. Ob jemand für deine Lösung zahlt, steht auf einem anderen Blatt.

2Produkt-Markt-Passung

Im Markt

Woran du es erkennstKunden nutzen das Angebot wiederholt und zahlen dafür. Sie wären spürbar unzufrieden, wenn es morgen wegfiele.

Wie du es prüfstVerkaufen, Wiederkaufrate und Abwanderung messen, Nichtnutzer nach dem Grund fragen.

Einmalige Erstkäufe sind kein Beleg. Erst die Wiederholung trennt Neugier von Bedarf.

3Geschäftsmodell-Passung

In der Rechnung

Woran du es erkennstWas ein Kunde einbringt, deckt seine Gewinnung und trägt anteilig die Fixkosten, und zwar wiederholbar.

Wie du es prüfstDeckungsbeitrag je Kunde, Gewinnungskosten, Break-Even-Rechnung.

Eine Idee kann alle Kunden begeistern und trotzdem an dieser Stufe scheitern. Sie wird am seltensten geprüft.

Die dritte Stufe in Zahlen: Break-Even verstehen, mit interaktivem Rechner →

Was ein gutes Canvas hervorbringt

Kein aufgeräumtes Bild. Zwei Listen, und die unangenehmere der beiden ist die wertvollere.

Lücke

Ein Schmerz unter den obersten drei, dem kein Linderer gegenübersteht.

Das ist deine nächste Produktentscheidung. Entweder du schließt sie, oder du lässt sie bewusst offen und sagst warum. Im Beispiel: Der Preis ist vorab unklar, und nichts im Angebot antwortet darauf.

Leerlauf

Eine Leistung links, die sich auf keinen notierten Schmerz und keinen Gewinn bezieht.

Das ist deine Streichliste. Sie kostet Geld und Aufmerksamkeit und bringt nichts ein. Sie ist auch die schwerer zu akzeptierende der beiden, weil dort meist steht, was dir beim Bauen am meisten Freude gemacht hat.

Fünf Fehler, die das Werkzeug wertlos machen

Alle fünf erzeugen ein Canvas, das fertig aussieht. Genau das macht sie teuer: Eine falsche Antwort in sauberer Form lässt sich schwerer anzweifeln als ein leeres Feld.

1

Das Canvas am Schreibtisch ausfüllen. Was dabei entsteht, ist eine geordnete Darstellung deiner Vermutungen. Sie sieht wie ein Ergebnis aus und ist keines. Die rechte Seite gehört in Gespräche, nicht in eine Arbeitssitzung.

2

Links anfangen. Wer mit dem eigenen Angebot beginnt, sucht danach nur noch Schmerzen, die zufällig dazu passen. Die Reihenfolge rechts vor links ist die wichtigste Regel des Werkzeugs und die am häufigsten gebrochene.

3

Alle sechs Felder gleich voll machen. Sechsunddreißig gleichwertige Zettel sind keine Erkenntnis, sondern eine Tapete. Ohne Rangfolge lässt sich die Passung nicht prüfen, weil jede Zeile gleich viel zu wiegen scheint.

4

Lösungswörter ins Kundenprofil schreiben. "Braucht eine App" ist keine Aufgabe des Kunden, sondern deine Lösung, dem Kunden in den Mund gelegt. Die Aufgabe dahinter lautet: den Zustand des Rads kennen, ohne nachzusehen.

5

Zwei Zielgruppen in ein Canvas packen. Pendler und Rennradfahrer haben verschiedene Aufgaben und gegenläufige Schmerzen. Zusammengelegt ergibt sich ein Durchschnittskunde, den es nicht gibt, und ein Angebot, das beide halb bedient.

Häufige Fragen

Was ist der Unterschied zwischen Value Proposition Canvas und Business Model Canvas?

Das Business Model Canvas beschreibt das ganze Unternehmen in neun Bausteinen. Das Value Proposition Canvas vergrößert genau zwei davon, nämlich Kundensegmente und Wertangebote, und zerlegt sie in je drei Felder. Faustregel: Das eine zeigt, wie du Geld verdienst, das andere, warum jemand kauft. In der Praxis füllt man zuerst grob das Business Model Canvas, geht dann für die wichtigste Zielgruppe ins Value Proposition Canvas und korrigiert damit die Bausteine der Leinwand.

Brauche ich für jede Zielgruppe ein eigenes Canvas?

Ja, ein Canvas je Kundensegment. Sobald zwei Gruppen in einem Canvas stehen, mitteln sich ihre Schmerzen zu etwas heraus, das für keine der beiden stimmt. Wenn du unsicher bist, ob es zwei Gruppen sind: Unterscheiden sie sich in der Aufgabe, die sie erledigen wollen, oder nur im Alter und Wohnort? Nur der erste Fall rechtfertigt ein zweites Canvas.

Woher weiß ich, ob die Passung wirklich stimmt?

Passung ist nichts, was man erklärt, sondern etwas, das Kunden bestätigen, und sie entsteht in drei Stufen. Zuerst bestätigen Gespräche, dass die Schmerzen echt sind. Dann zeigt der Markt, dass Menschen dein Angebot nutzen und dafür zahlen. Zuletzt zeigt die Rechnung, dass dabei mehr hereinkommt, als die Gewinnung des Kunden kostet. Wer die dritte Stufe überspringt, hat oft ein beliebtes Angebot ohne tragfähiges Geschäft.

Wie viele Einträge gehören in ein Feld?

Im Kundenprofil zunächst fünf bis acht je Feld, damit nichts Wichtiges fehlt, danach auf die drei stärksten Schmerzen und zwei wichtigsten Gewinne zusammenstreichen. Im Wertangebot nur so viele Einträge, wie sich auf diese markierten Punkte beziehen lassen, in der Regel also weniger. Ein volles Canvas ist kein gutes Canvas, ein entschiedenes ist eines.

Ich habe schon ein Alleinstellungsmerkmal. Brauche ich das Canvas trotzdem?

Das Alleinstellungsmerkmal ist ein Satz nach außen, das Canvas ist die Arbeit, aus der dieser Satz hervorgeht. Wer den Satz ohne die Arbeit formuliert, beschreibt meistens, was er anbietet, und nicht, was der Kunde davon hat. Umgekehrt liefert ein ausgefülltes Canvas den Rohstoff für den Satz frei Haus: der stärkste Schmerz und der dazu passende Linderer sind genau die beiden Bausteine, die hineingehören.

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